Projektbeschreibung

Hintergrundinformation

Die Europäische Blindenvereinigung (EBU) schätzt die Zahl der sehbehinderten Menschen in Europa auf 30.000.000, unter Berücksichtigung der Zunahme von Sehschwäche bei einer wachsenden Anzahl älterer Menschen. Laut EBU sind fast 70 % aller blinden und sehschwachen Europäer über 60 Jahre alt, zwei Drittel sind über 65 Jahre. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erwartet eine steigende Zahl älterer Menschen, welche aufgrund ihres zunehmenden Alters und Diabetes vom Verlust des Sehvermögens betroffen sind: 30 bis 50 % innerhalb der kommenden 10 bis 15 Jahre.

 

Eine alternde Gesellschaft, welche mit dem altersbedingten Verlust des Sehvermögens konfrontiert ist, wird sich signifikant auf das Gesundheits- und Sozialsystem der Zukunft auswirken. Der Verlust des Sehvermögens führt zu einer Verschlechterung der Lebensqualität, zu Einschränkungen im täglichen Leben sowie der Mobilität und schließlich zu sozialem Ausschluss und Depression.

 

Für sehbeeinträchtigte Menschen, welche mobil sind, bedeuten neue Wege und eine unbekannte Umgebung eine enorme Herausforderung und die Inanspruchnahme fremder Hilfe. Während Blindenführhunde für Mobilitätsaufgaben sehr gut eingesetzt werden können, verwendet nur ein kleiner Prozentsatz von blinden Menschen diese Hilfe aufgrund der hohen Kosten und der langen Ausbildungszeiten eines Blindenführhundes. Obwohl es Navigationstechnologien gibt, greifen blinde Menschen letztlich darauf zurück, sich Routen einzuprägen und einen Taststock zu benutzen. Unterstützung zu erhalten, um Unabhängigkeit und soziale Gleichstellung zu erreichen, ist für blinde und sehschwache Menschen von großer Wichtigkeit. Daher müssen neue Informations- und Kommunikationstechnik (ICT) basierte Navigationstechnologien eingeführt werden.

 

In einem kürzlich erschienenen Bericht der EBU („Eine Geschichte von drei Städten“, EU PROGRESS Projekt, 2007 - 2013) wurden die Bereiche Mobilität und Verkehr untersucht, um altersfreundliche Städte für sehbeeinträchtigte Menschen zu gestalten. Die Teilnehmer der Studie (überwiegend über 70 Jahre alt) wurden aus einem Personenkreis ausgewählt, der regelmäßig an Aktivitäten von Blindenvereinigungen teilnimmt – und zwar in Tullamore, Salzburg und Marseille. Sie berichteten über unterschiedliche Schwierigkeiten, wenn sie ihren Verein aufsuchten und nannten einige Anforderungen und Faktoren sowie Verbesserungsmöglichkeiten für ihre Mobilität:

  • Außenbereiche und Gebäude: Probleme treten auf, wenn sich die Umgebung plötzlich ohne Hinweis verändert; die Eingänge von öffentlichen Gebäuden müssen klar hervorgehoben werden, deutliche Kennzeichnung und Trennung von Rampen und Stiegen
  • Verkehrswesen: Möglichkeit eines Tür-zu-Tür Service, Erschwinglichkeit dieses Services, barrierefreie Informationen in Bezug auf Fahrpläne, Reiseziele und Plätze
  • Soziale Integration: eine ausgebildete Person zu haben oder eine Begleitung, welche persönliche Unterstützung bietet, Zugang zu gesellschaftlichen Aktivitäten und Spezialisten
  • Information und Kommunikation: eine Person am anderen Ende der Hotline zu haben und nicht eine Maschine, die Auskunftgeber sollten fragen welche Hilfe benötigt wird

Hier wird eine große Kluft sichtbar zwischen den absolut notwendigen Maßnahmen, welche Menschen mit Seheinschränkung in der städtischen Fortbewegung benötigen, und dem angebotenen Service bzw. der Qualität der aktuellen mobilitätsunterstützenden Dienste. Wichtig ist auch zu erwähnen, dass, während diese Anforderungen hauptsächlich von älteren Menschen genannt werden, die meisten davon auch die jüngere Generation betreffen. Im Fall einer neuen Technologie könnte ein wertvoller Austausch zwischen diesen beiden Gruppen erfolgen: junge sehbehinderte Menschen, welche mit neuen Technologien vertraut sind, könnten ihre Kenntnisse an Ältere weitergeben und im Gegenzug könnten Ältere zeigen, wie sie ihren Alltag bewältigen.

 

Mit der Entwicklung effektiver Mobilitäs- und Navigationssysteme könnten Lösungen für die oben genannten Anforderung gefunden werden. Damit würden wir eine von Europas größten, sozialökonomischen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte annehmen.

Das Projekt

Das Ziel des Projektes ist es, den Alltag von blinden und sehschwachen Menschen zu unterstützen, indem wir eine einfache, effektive und preiswerte Tür-zu-Tür-Navigationslösung entwickeln.

Im Gegensatz zu den üblichen Navigationssystemen, die nur eine Außennavigation ermöglichen, adressiert das Projekt VUK besonders jene Situationen, wo sehbeeinträchtigte Menschen unbekannte Wege in Innenbereichen zurücklegen möchten (U-Bahn-, Bahn- und Bus-Stationen) oder wenn das Ziel einer Fahrt der Besuch eines komplexen Gebäudes (Einkaufszentrum, Geschäftshaus, öffentlicher Amt, usw.) ist.

Aus unserer Sicht wäre neben der Unterstützung des Alltags von blinden und sehschwachen Menschen dieser zukünftige Service auch für Firmen, Büros oder Infrastrukturbetreiber (wie z. B. die öffentliche Verwaltung) interessant, wo blinde Menschen arbeiten und somit am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

 

Um eine wirklich effektive Tür-zu-Tür-Navigationslösung - die derzeit noch nicht existiert - anbieten zu können, wird im Rahmen des Projekts VUK eine Plattform entwickelt, auf welcher die vorhandenen Außennavigationssysteme einfach verbunden werden sollen. Damit wird es möglich sein, die bereits bestehenden Anwendungen in Übereinstimmung mit den vorgesehenen Innennavigationsdiensten zu kombinieren, was zu einer billigeren und effektiveren Tür-zu-Tür-Mobilitätslösung führt.